22/07/2026
so ist es !
Wasserball: Wir haben ein Imageproblem
Ein Kommentar von Maren Hinz zur öffentlichen Darstellung unseres Sports, 17.07.2026
„Wasserball? Das ist doch dieser brutale Sport, wo unter Wasser alles erlaubt ist."
Ich werde oft gefragt, welchen Sport ich mache. Und wenn ich antworte, kommt in neun von zehn Fällen dieser Satz zurück – als Feststellung, nicht als Frage. Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht. Inzwischen kann ich meine eigenen Floskeln als Antwort darauf nicht mehr hören. Das stört mich. Nicht, weil die Härte nicht existiert. Sondern weil sie das Uninteressanteste ist, was dieser Sport zu bieten hat.
Wo kommt das eigentlich her? Warum ist Härte das Erste, womit dieser Sport assoziiert wird? Wird dieses Image dem Wasserball gerecht? Und vor allem: Identifizieren wir uns damit? Wollen wir – die Wasserballerinnen und Wasserballer in Deutschland – harte, brutale Spieler:innen sein? Ich für meinen Teil kann das ziemlich klar beantworten: Nein, ganz gewiss nicht!
Bevor ich auf das Imageproblem eingehe, ein kurzer Exkurs – für alle, die noch nie im Becken standen. Beziehungsweise: die noch nie im Becken nicht standen.
Stell dir eine Ballsportart ohne Boden vor. Du kannst dich nicht hinstellen, nicht abstützen, nicht kurz durchatmen. Solange gespielt wird, schwimmst du, meistens im Sprint, vier mal acht Minuten reine Spielzeit. Du fängst, hältst und wirfst den Ball einhändig – aus dem Wasser heraus, gegen den Widerstand des Wassers, mit einer Gegnerin an dir dran. Deine Beine, dein Rumpf, deine Schulter sind permanent gefordert. Kraft, Schnelligkeit, Agilität und Mobilität, alles gleichzeitig. Aerobe und anaerobe Belastung nebeneinander, Kraftausdauer und Explosivkraft im Wechsel, Koordination und Präzision unter Sauerstoffdefizit. Athletisch stellt Wasserball eine der breitesten Anforderungen, die es im Teamsport gibt. Und das Schönste daran ist die Diversität der Athlet:innen innerhalb eines Teams: Egal welche Statur – jede kann ihre Stärken einbringen und über einen individuellen Spielstil beitragen.
Hinzu kommt: Im Wasser siehst du selten das ganze Spielfeld, und was du siehst, hat sich zwei Sekunden später verändert. Du behältst den Ball im Blick, deine Position, sechs Mitspielerinnen, sieben Gegnerinnen, die Spielzeit, die Angriffszeit, dein Foulkonto – und entscheidest im Sekundenbruchteil. Fehlentscheidung? Sofort abhaken, weitermachen, sich nicht kleinkriegen lassen, denn die nächste Entscheidung steht schon an. Angriff und Verteidigung wechseln sich ab, du musst beides beherrschen. Bestenfalls bist du erfahren genug, um auf mehreren Positionen zu spielen. Und kommunizieren kannst du im Wasser auch nur bedingt, jedenfalls nicht mitten im Sprint oder im Zweikampf. Ich sag euch: Das ist anspruchsvoll, das ist körperlich fordernd, und es braucht Jahre an Training, bis man diese Sportart beherrscht.
Natürlich ist Wasserball ein Körperkontaktsport. Und ja: Man kann sich unter Wasser durch einen Tritt oder einen Griff an den Badeanzug einen Vorteil verschaffen, wenn man geschickt ist und die Schiedsrichterin es nicht sieht. Das gehört zur Wahrheit dazu. Aber es ist ein Randphänomen eines Regelwerks, das existiert, das angewendet wird und dessen Verstöße geahndet werden. Es ist nicht der Kern dieses Sports. Es ist der Kern seiner Erzählung geworden.
Genau da liegt das Problem. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand hier böse Absichten hat. Ich glaube, wir haben unbewusst diese Erzählgewohnheit entwickelt, die zum jetzigen Image führte.
Redaktionen greifen zu dem Bild, das funktioniert. Härte verkauft sich, Komplexität nicht. Das ist Aufmerksamkeitsökonomie, und sie trifft Randsportarten besonders hart: Wir kommen zu selten vor, um ein differenziertes Bild aufzubauen. Wenn einmal im Jahr über Wasserball berichtet wird, wird über das Auffälligste berichtet.
Aber – und das ist der unbequeme Teil – wir schreiben mit.
Ich erinnere mich an ein Interview, das ich 2023 der taz gegeben habe. Als ehemalige Nationalspielerin, langjährige Bundesligaspielerin und Kapitänin des ETV Hamburg habe ich mich gefreut, meine Sicht auf diesen Sport zu teilen. Die erste Ernüchterung: Ein Großteil der Fragen zielte darauf ab, wie hart es denn sei, und ob ich den Zweikampf im Center nicht noch etwas genauer schildern könne. Die zweite Ernüchterung: Meine Aussagen fielen im fertigen Artikel deutlich härter aus, als ich sie getroffen hatte. Im wörtlichen Zitat. Was ich daraus gelernt habe: Ich gebe keine Interviews mehr frei, die ich nicht vorher gegenlesen konnte.
Was ich aber auch gelernt habe: Ich hätte anders antworten können. Wer auf die Frage nach der Härte mit einer Anekdote über Härte antwortet, hat die Schlagzeile mitgeschrieben. Wir kennen diesen Reflex doch alle. Wir antworten mit denselben Floskeln, die wir jahrelang gehört haben. Müssen wir vielleicht einfach lernen, unseren Sport nicht im ersten Satz über seine Brutalität zu beschreiben? Härte ist die bequemste Antwort auf die Frage, was diesen Sport besonders macht. Sie ist auch die schlechteste.
Wer die Kommentarspalten unter den jüngsten Interviews liest, merkt: Es gibt viele Stimmen, die diesem Bild widersprechen wollen. Das stimmt mich zuversichtlich. Es zeigt, dass wir uns als Sportart in dem, was über uns geschrieben wird, nicht wiedererkennen – und der erste Schritt zu einer besseren Erzählung ist, zu merken, dass die alte nicht mehr passt.
Ich wünsche mir deshalb dreierlei. Von Redaktionen: die Neugier, hinter das naheliegende Bild zu schauen. Fragen nach Taktik, nach Entscheidungen, nach Athletik sind nicht weniger spannend – sie sind nur weniger eingeübt. Von Vereinsvertreter:innen: dass wir aufhören, Härte als Verkaufsargument zu benutzen, weil sie kurzfristig Aufmerksamkeit bringt und langfristig unser Nachwuchsproblem verschärft. Und von uns Sportler:innen: dass wir die nächste Frage nach der Brutalität als das behandeln, was sie ist – eine Einladung, endlich über etwas anderes zu sprechen.
Denn Härte ist kein Alleinstellungsmerkmal. Und Gewalt ist nichts, worauf man einen Sport aufbauen sollte, für den man Menschen begeistern will.
Ich möchte, dass ein Kind, das das Wort Wasserball zum ersten Mal hört, an etwas Faszinierendes denkt und nicht an etwas Furchteinflößendes. Wir müssen diesen Sport nicht härter erzählen, als er ist. Er ist schon beeindruckend genug – wir haben nur vergessen, es so zu sagen.
P.S.: Das ist nicht als Angriff auf Spielerinnen, die mit Aussagen zur Härte zitiert wurden, zu verstehen. Das wurde ich auch schon. Ich möchte lediglich zum Umdenken in der Kommunikation anregen.
Foto: Der Sportfotograf