Was Pensionsstall eigentlich bedeutet … wenn wir sehen, was du nicht siehst.
Du kennst dein Pferd. Du weißt, wie es schaut, wie es sich anfühlt und wann etwas irgendwie anders ist als sonst.
Aber es gibt viele Stunden am Tag, in denen du nicht bei ihm bist.
Und genau in diesen Stunden erleben wir dein Pferd.
Wir sehen, ob es morgens wie gewohnt zum Futter kommt. Ob es an seiner üblichen Stelle ruht. Wie es sich durch den Aktivstall bewegt. Mit wem es zusammensteht. Ob es beim Wechsel auf die Weide vorneweg geht oder sich heute eher zurückhält.
Wir sehen ein Pferd nicht nur in einem einzelnen Moment, sondern immer wieder über den Tag verteilt – beim Fressen, Ruhen, Laufen und im ganz normalen Miteinander der Herde.
Und manchmal fällt dabei etwas auf.
Ein Pferd braucht länger als sonst, um zur Futterstation zu kommen. Eines lässt plötzlich etwas liegen, was normalerweise zuverlässig gefressen wird. Ein anderes steht ungewöhnlich lange abseits oder bewegt sich anders als am Vortag.
Das muss nicht bedeuten, dass etwas nicht stimmt.
Aber wer Pferde jeden Tag erlebt, entwickelt ein Gefühl für ihre Gewohnheiten. Und gerade deshalb fallen Veränderungen auf.
Dann schauen wir genauer hin. Beobachten weiter. Und wenn es notwendig erscheint, geben wir dem Besitzer Bescheid.
Nicht, weil wir ein Pferd besser kennen als sein Mensch.
Sondern weil wir es in den Stunden sehen, in denen sein Mensch nicht da sein kann.
Auch das gehört für mich zu einem Pensionsstall: nicht nur füttern, misten und versorgen.
Sondern hinsehen.
Tag für Tag.
Was Pensionsstall eigentlich bedeutet …
Darüber möchte ich in dieser neuen Reihe erzählen. Über vieles, was jeden Tag passiert – und das man als Pferdebesitzer oft gar nicht sehen kann.
Bauer Karl
Pferde mit Atemwegserkrankungen
Mannheim: ARTEGERECHTE Pferdehaltung ohne Kompromisse
Wie weit denken wir eigentlich voraus, bevor ein Pferd bei uns einzieht?
Bei jeder Integration erleben wir, was ein Stallwechsel für ein Pferd bedeutet: neue Umgebung, neue Abläufe, eine fremde Gruppe. Es muss sich orientieren, seinen Platz finden und Beziehungen aufbauen. Irgendwann wird aus der neuen Herde seine vertraute Gemeinschaft.
Vielleicht sollten wir genau deshalb manche Entscheidungen schon vor dem Einzug sehr bewusst treffen.
Die Entfernung zum Stall ist dafür ein gutes Beispiel. Natürlich sucht man zunächst in der näheren Umgebung. Aber manchmal gibt es dort keinen Stall, der zu den eigenen Vorstellungen oder den Bedürfnissen des Pferdes passt. Dann kann auch ein weiter entfernter Stall die richtige Entscheidung sein.
Trotzdem sollte man ehrlich überlegen, was diese Entfernung langfristig bedeutet: Fahrzeit, Spritkosten und viele Stunden über viele Jahre. Funktioniert sie auch, wenn Pferdehaltung einmal nicht nach Plan läuft? Wenn ich plötzlich morgens und abends hinfahren muss, mein Pferd Medikamente braucht oder ich kurzfristig vor Ort sein sollte?
Für mich persönlich liegt die Grenze dessen, was ich dauerhaft als alltagstauglich empfinde, bei ungefähr einer halben Stunde Fahrzeit. Wo diese Grenze liegt, muss jeder selbst entscheiden.
Natürlich wissen wir nicht, was in zehn oder fünfzehn Jahren ist. Beruf, Familie, Wohnort oder finanzielle Möglichkeiten können sich verändern. Auch ein Pferd kann eine andere Haltung benötigen. Manchmal verändert sich auch ein Stall so, dass ein Wechsel die richtige Entscheidung ist.
Darum geht es mir ausdrücklich nicht.
Mir geht es um das, was wir heute schon wissen und absehen können.
Denn irgendwann ist ein Pferd angekommen. Es kennt seine Umgebung, hat seinen Platz in der Gruppe und vielleicht enge Sozialpartner gefunden. Bei einem erneuten Wechsel muss vieles davon wieder neu entstehen.
Vielleicht gehört genau das zur Demut vor einem Pferd: Wir können die Zukunft nicht planen. Aber wir können das, was wir heute schon wissen, verantwortungsvoll entscheiden.
Nicht nur: Passt dieser Stall heute in mein Leben?
Sondern auch: Was bedeutet meine Entscheidung langfristig für mein
Den Job deines Pferdes in der Herde suchst nicht du aus.
Manche Pferde haben bei uns eine besondere Rolle, wenn neue Pferde in die Gruppe kommen.
Nicht, weil wir sie dafür ausgesucht hätten. Sondern weil die Neuen sich an ihnen orientieren.
Sie suchen ihre Nähe, laufen ihnen hinterher, ruhen bei ihnen und reagieren natürlich auch, wenn dieser neue Bezugspartner plötzlich aus der Gruppe geholt wird.
Und dann kann es passieren, dass du als Besitzer zu deinem Pferd kommst und merkst: Heute ist es müde. Heute ist es weniger bei dir. Oder das neue Pferd ruft, sobald du deines zum Putzen oder Reiten mitnimmst.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Pferde jetzt dauerhaft „aneinanderkleben“.
Es ist zunächst einmal Teil dessen, was in einer Herde passiert.
Denn eine Integration betrifft nicht nur das Pferd, das neu einzieht. Sie verändert für eine gewisse Zeit die Dynamik der ganzen Gruppe. Manche Pferde beschäftigt das kaum. Andere sind deutlich stärker eingebunden.
Und auch ein Pferd, das seit Jahren in derselben Herde lebt, kann deshalb während einer Integration vorübergehend mehr Ruhe brauchen.
Genau das gehört für mich zur Gruppenhaltung dazu.
Wir entscheiden, in welcher Haltungsform unsere Pferde leben. Aber wir entscheiden nicht, mit wem sie Freundschaften schließen, wem sie aus dem Weg gehen oder an wem ein Neuankömmling Orientierung sucht.
Und manchmal bedeutet das für uns Besitzer auch, die eigenen Pläne für einen Tag zurückzustellen, weil unser Pferd gerade mit etwas anderem beschäftigt ist.
Ein paar Tage später sieht die Welt meistens schon wieder ganz anders aus.
Ich finde genau das schön an einer funktionierenden Pferdegruppe:
Unsere Pferde führen dort ein eigenes soziales Leben.
Und manchmal gehört dazu, dass dieses soziale Leben für einen Moment wichtiger ist als unser Plan für diesen Tag.
Vor wenigen Tagen zog ein Pferd bei uns in den Aktivstall ein.
Am Abend fuhr seine Besitzerin noch einmal in den Stall. Sie rief nach ihm – so wie sie es im alten Stall immer getan hatte.
Doch diesmal kam er nicht.
Nicht, weil er sie vergessen hatte.
Nicht, weil ihm etwas fehlte.
Er blieb einfach bei den anderen Pferden.
Als sie zu ihm ging, begrüßte er sie freundlich. Er ließ sich streicheln, freute sich über ihren Besuch. Aber nach kurzer Zeit wandte er sich wieder seiner neuen Herde zu.
Später erzählte sie, wie glücklich sie darüber war.
Nicht, weil ihr Pferd sie weniger liebt.
Sondern weil sie das Gefühl hatte, dass es endlich dort angekommen war, wo ein Pferd ankommen sollte: mitten unter anderen Pferden.
Eine andere Pferdebesitzerin sagte darauf:
“Darüber wäre ich traurig. Ich möchte, dass mein Pferd immer zu mir kommt.”
Ich musste über diesen Satz nachdenken.
Denn wir messen unsere Beziehung zum Pferd oft daran, wie sehr es uns sucht.
Vielleicht sollten wir sie manchmal lieber daran messen, wie sicher sich unser Pferd auch ohne uns fühlt.
Ein Pferd, das in seiner Herde Geborgenheit findet, verliert seinen Menschen nicht.
Es gewinnt etwas zurück, das wir ihm allein niemals vollständig ersetzen können.
Und genau das wünsche ich jedem Pferd.
„Wann kann ich mein Pferd nach der Integration wieder reiten?“
Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Manche Pferde wirken schon nach wenigen Tagen wieder entspannt, andere brauchen deutlich länger. Deshalb empfehle ich immer: Beobachtet euer Pferd genau und hört auch ein Stück weit auf euer Bauchgefühl. Lieber einen Tag länger warten als einen Tag zu früh wieder mit der Arbeit beginnen.
Denn eine Integration in einen Aktivstall bedeutet für ein Pferd weit mehr als nur den Wechsel in eine neue Herde.
Es muss herausfinden, wie diese Gruppe funktioniert: Wer ist ranghöher? Wem kann ich vertrauen? Wem gehe ich besser aus dem Weg? Wo kann ich in Ruhe fressen? Mit wem kann ich mich zusammenschließen? Es lernt soziale Regeln, beobachtet die anderen Pferde und muss seinen eigenen Platz finden.
Gleichzeitig verändert sich für ein ehemaliges Boxenpferd körperlich sehr viel. Es bewegt sich plötzlich deutlich mehr und legt über den Tag viele Wege zurück. Muskulatur, Sehnen, Bänder, Hufe und Stoffwechsel müssen sich an diese neue Eigenbewegung gewöhnen.
Und auch mental passiert enorm viel. Neue Pferde, neue Abläufe, neue Geräusche, neue Futterplätze und eine völlig andere Tagesstruktur müssen verarbeitet werden. Das kostet Energie.
Deshalb erlebe ich immer wieder Pferde, die nach der Integration zunächst deutlich müder sind. Das sollte man ernst nehmen und ihnen die nötige Ruhe zugestehen.
Wirkt ein Pferd erschöpft, schläft viel oder ist noch ständig damit beschäftigt, seine neue Umgebung und die Herde zu beobachten, darf das Reiten erst einmal in den Hintergrund treten.
Natürlich gibt es Pferde, die scheinbar problemlos ankommen und schon nach kurzer Zeit wieder normal gearbeitet werden können. Nach meiner Erfahrung sind sie eher die Ausnahme. Manche Pferde brauchen Tage, andere einige Wochen.
Eine Integration ist schließlich nicht abgeschlossen, nur weil ein Pferd mit in der Herde läuft. Es braucht Zeit, bis es körperlich, mental und sozial wirklich angekommen ist.
Und diese Zeit dürfen wir ihm geben.
Es gibt Momente, die mich mehr freuen als jedes Untersuchungsergebnis.
Nicht, wenn ein Pferd weniger hustet.
Nicht, wenn ein Befund besser aussieht.
Sondern wenn ich irgendwann – oft nur nebenbei – höre, was Pferd und Mensch plötzlich wieder gemeinsam erleben.
Ich bekomme das gar nicht immer direkt erzählt. Häufig höre ich es über Umwege oder im Gespräch mit anderen Einstellern.
Dann heißt es plötzlich, dass ein Pferd viel gelassener geworden ist. Dass gemeinsame Unternehmungen selbstverständlich werden. Dass Dinge möglich sind, die sich vorher niemand vorstellen konnte.
Genau das berührt mich.
Denn am Ende geht es nicht nur darum, Atemwege oder Haltungsbedingungen zu verbessern. Es geht darum, dass Pferde Lebensqualität gewinnen – und dadurch auch der gemeinsame Alltag leichter und unbeschwerter wird.
Besonders schön ist, dass ich diese Entwicklung längst nicht nur bei unseren Atemwegspferden beobachte.
Natürlich profitieren Pferde mit Atemwegserkrankungen oft besonders deutlich von einer optimierten Umgebung. Aber auch gesunde Pferde verändern sich in einer Haltung, die ihren natürlichen Bedürfnissen möglichst nahekommt. Mehr freie Bewegung, Sozialkontakte und ein strukturierter Alltag können sich nicht nur körperlich, sondern auch auf das Verhalten auswirken.
Und bei einem Pferd mit Atemwegsproblemen kommt noch etwas hinzu: Nicht frei durchatmen zu können oder in schweren Phasen regelrecht um Luft ringen zu müssen, bedeutet eine enorme Belastung für den Organismus. Wie ein Pferd das empfindet, können wir Menschen nicht wissen.
Wenn diese Belastung nachlässt, erleben Besitzer häufig noch eine andere Veränderung: Ihr Pferd wirkt gelassener, ausgeglichener und wieder neugieriger.
Und genau solche Rückmeldungen sind für mich etwas Besonderes: wenn Besitzer plötzlich Dinge mit ihrem Pferd erleben können, die früher undenkbar erschienen.
Der Umgang wird leichter. Gemeinsame Zeit wird wieder unbeschwerter.
Für mich ist genau das der eigentliche Erfolg guter Haltung:
Nicht nur weniger Symptome, sondern mehr Lebensqualität – für das Pferd und für den Menschen an seiner Seite.
Warum integrieren wir neue Pferde am liebsten im Frühjahr?
Viele denken bei einer Integration vor allem an die ersten Stunden oder Tage in der neuen Herde.
Für uns beginnt die eigentliche Integration aber erst danach.
Denn jedes Pferd, das in eine neue Herde kommt – ganz gleich, ob es vorher in einer Box, einem Offenstall oder bereits in einem anderen Aktivstall gelebt hat – muss seinen Platz in einer neuen sozialen Gemeinschaft finden.
Dabei geht es um weit mehr als die Rangordnung.
Ein Pferd lernt über Wochen und Monate die Gewohnheiten seiner neuen Herde kennen. Es erlebt gemeinsame Wege zur Tränke, Ruhephasen, Weidewechsel, Hitze, Insektenzeit, Regen und viele andere Alltagssituationen. Mit jeder gemeinsamen Erfahrung entstehen mehr Vertrauen und mehr Sicherheit.
Deshalb bevorzugen wir – wenn wir die Wahl haben – Integrationen im Frühjahr.
Nicht, weil Herbst oder Winter ungeeignet wären. Wir integrieren das ganze Jahr über erfolgreich neue Pferde. Das Frühjahr gibt einem Pferd jedoch häufig viele Monate Zeit, in seiner neuen Herde wirklich anzukommen, bevor die erste längere Schlechtwetterphase beginnt.
Ein gutes Beispiel sind Regentage.
Obwohl mehrere Unterstände vorhanden sind, entscheidet sich eine Herde oft gemeinsam für denselben. Pferde suchen nicht nur Schutz vor Wind und Regen, sondern auch die Nähe ihrer sozialen Gruppe.
Ein Pferd, das bereits fest zur Herde gehört, reiht sich meist ganz selbstverständlich ein. Ein neues Pferd muss sich diesen Platz manchmal erst erarbeiten. Das wirkt für uns Menschen schnell hart, gehört aber zum normalen Sozialverhalten einer Pferdeherde.
Deshalb beurteilen wir eine Integration nicht nach den ersten Tagen.
Wirklich gelungen ist sie für uns erst dann, wenn das neue Pferd ganz selbstverständlich am Alltag seiner Herde teilnimmt – ohne ständig aufzufallen oder seinen Platz immer wieder neu finden zu müssen.
Genau deshalb empfinden wir das Frühjahr oft als den angenehmsten Zeitpunkt für eine Integration. Nicht, weil andere Jahreszeiten schlechter wären, sondern weil sie dem Pferd häufig mehr Zeit geben, in seiner neuen Herde wirklich anzukommen.
Nicht nur das Pferd beginnt ein neues Leben. Auch seine Hufe. 😉
Wenn ein Pferd vom Boxenstall in einen Aktivstall umzieht, denken die meisten zuerst an die Integration in die Herde. Findet es Anschluss? Kommt es mit den anderen Pferden zurecht? Was dabei häufig vergessen wird: Auch die Hufe müssen sich an ihr neues Leben anpassen.
Denn plötzlich verändert sich ihr Alltag. Aus gefühlt wenigen Schritten werden mehrere Kilometer Eigenbewegung am Tag. Unterschiedliche Untergründe, enge Wendungen, Beschleunigen, Abbremsen und das Spielen mit Artgenossen stellen den Huf vor ganz neue Aufgaben.
Deshalb sehen wir in der Umstellungsphase manchmal Pferde, die etwas fühlig laufen. Manche profitieren vorübergehend von Hufschuhen. Bei anderen müssen kleinere Ausbrüche häufiger nachgearbeitet oder die Hufform enger begleitet werden. Besonders dann, wenn gleichzeitig der Beschlag oder die Hufbearbeitung umgestellt wurde.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt. Oft beginnt der Huf einfach, sich an seine neue Aufgabe anzupassen.
Ein Huf verändert sich nicht über Nacht. Das Horn, das heute den Boden berührt, ist noch unter den Bedingungen des bisherigen Stalls entstanden. Bis das unter den neuen Haltungsbedingungen gebildete Horn vollständig vom Kronrand bis zum Boden nachgewachsen ist, vergeht ungefähr ein Jahr.
Biologische Anpassungsprozesse brauchen Zeit. Deshalb sollte man gerade in den ersten Wochen nicht vorschnell urteilen oder die Flinte ins Korn werfen.
Während der Eingewöhnung beobachten wir deshalb nicht nur die Integration in die Herde, sondern auch die Entwicklung der Hufe ganz genau. Jedes Pferd bringt andere Voraussetzungen mit. Manche benötigen anfangs etwas mehr Unterstützung, andere laufen vom ersten Tag an problemlos.
Ein Stallwechsel verändert nicht nur den Alltag eines Pferdes. Er verändert die Anforderungen an seinen gesamten Körper – und dazu gehören eben auch seine Hufe.
🐴 Wie waren eure Erfahrungen nach einem Stallwechsel? Mussten sich die Hufe eures Pferdes erst an ihr neues Leben gewöhnen?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. ❤️
Wir hören immer mal wieder diesen Satz:
“Meinst du, mein Pferd könnte inzwischen wieder Heu fressen?”
Ich verstehe diese Hoffnung.
Denn das Pferd hustet nicht mehr. Es ist voll belastbar. Der Tierarzt hört keine Auffälligkeiten mehr. Der Inhalator liegt seit Monaten oder sogar Jahren unbenutzt im Schrank.
Es fühlt sich an, als wäre alles überstanden.
Doch genau hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis.
Ein chronisch atemwegserkranktes Pferd ist nicht geheilt, nur weil es symptomfrei ist.
Bei vielen unserer Pensionspferde erreichen wir durch konsequent atemwegsoptimierte Haltung genau das, was sich jeder Besitzer wünscht: Sie leben über lange Zeiträume beziehungsweise nahezu das ganze Jahr beschwerdefrei, können normal gearbeitet werden und benötigen häufig keine regelmäßige Inhalation mehr.
Genau das ist vielleicht das größte Kompliment für unsere Haltung.
Die Erkrankung rückt so sehr in den Hintergrund, dass irgendwann der Gedanke entsteht: „Vielleicht braucht mein Pferd all diese Maßnahmen gar nicht mehr.“
Doch die Symptomfreiheit entsteht nicht, weil die Erkrankung verschwunden ist.
Sie entsteht, weil das Management funktioniert.
Wird dieses Management verändert und wieder Heu gefüttert, kehren die Symptome bei vielen Pferden zurück – manchmal schon nach wenigen Tagen, manchmal erst nach einigen Wochen.
Nicht, weil vorher etwas falsch gelaufen ist.
Sondern weil genau die Maßnahmen verändert wurden, die das Pferd so stabil gemacht haben.
Wenn Besitzer irgendwann vergessen, wie krank ihr Pferd einmal war, zeigt das, wie viel Lebensqualität konsequentes Management ermöglichen kann.
Gebt die Hoffnung niemals auf.
Nicht die Hoffnung, dass euer Pferd irgendwann wieder Heu fressen kann.
Sondern die Hoffnung, dass es trotz seiner chronischen Atemwegserkrankung ein langes, aktives und nahezu beschwerdefreies Leben führen kann.
Denn genau das erleben wir bei Bauer Karl immer wieder. ❤️
Warum ist ein Aktivstall für viele nur dann sinnvoll, wenn das Pferd krank ist?
Vor Kurzem hatte ich eine Anfrage für einen Aktivstallplatz.
Das Pferd hatte eine Sehnenverletzung. Der Tierarzt empfahl mehr freie Bewegung und deshalb einen Offen- oder Aktivstall. Ein Besichtigungstermin war bereits vereinbart.
Einen Tag vorher kam die Absage.
Der Tierarzt habe jetzt grünes Licht gegeben, das Pferd wieder anzutrainieren. Deshalb sei ein Aktivstall nun doch nicht mehr notwendig.
Und genau diese Denkweise beschäftigt mich immer wieder.
Warum eigentlich?
Warum erscheint ein Aktivstall für viele nur dann sinnvoll, wenn ein Pferd verletzt ist, nicht geritten werden kann oder in Rente geht?
Warum endet der Wunsch nach möglichst viel freier Bewegung genau in dem Moment, in dem das Pferd wieder belastbar wird?
Für mich schließt sich das überhaupt nicht aus.
Ein Pferd kann im Aktivstall ganz normal aufgebaut, antrainiert und auch sportlich gearbeitet werden. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Im Gegenteil.
Gerade zwischen den Trainingseinheiten profitiert der Körper von regelmäßiger, selbstbestimmter Bewegung. Sehnen, Muskeln, Gelenke, Faszien und der Stoffwechsel profitieren nicht nur während einer Reha davon, sondern jeden einzelnen Tag.
Training ersetzt deshalb keine Haltung.
Eine Stunde Reiten kann niemals die vielen Stunden freier Bewegung ersetzen, in denen Pferde ihren Körper eigenständig nutzen, unterschiedliche Untergründe laufen, kleine Richtungswechsel machen und Sozialkontakte pflegen.
Mich wundert deshalb, dass wir beim Training selbstverständlich über Muskelaufbau, Regeneration und Belastungssteuerung sprechen – bei der Haltung aber oft akzeptieren, dass Pferde viele Stunden am Tag kaum Gelegenheit zu natürlicher Bewegung haben.
Vielleicht liegt genau hier einer der größten Denkfehler unserer Pferdehaltung.
Vielleicht sollten wir aufhören, freie Bewegung nur als Therapie zu betrachten – und anfangen, sie als das zu sehen, was sie für jedes Pferd ist:
Ein Grundbedürfnis.
Wie siehst du das?
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