13/09/2026
VW Karmann Ghia oder ein Studium der Elektrotechnik
Anfang 1995 (Teil 15)
Durch das hohe Arbeitsaufkommen in Papas Geschäft war in den nächsten Jahren an eine Karmann-Restauration natürlich überhaupt nicht zu denken. Unser orangener Karmann stand derweil unbeachtet und zerlegt in der Scheune und entwickelte sich langsam vom Oldtimer zum Staubfänger. Vermutlich war er irgendwann besser konserviert als jedes Museumsstück.
Doch pünktlich mit dem Frühling erwachte bei Papa jedes Jahr aufs Neue dieses merkwürdige Kribbeln. Andere Menschen bekamen Frühlingsgefühle – Papa bekam Kleinanzeigen.
Also marschierte er wochenlang jeden Freitag zum Kiosk, um die neuesten Angebote zu studieren. Natürlich völlig unverbindlich. Rein informativ. Sozusagen Marktforschung. Dass er dabei regelmäßig mit glänzenden Augen vor den Autoanzeigen saß, hatte selbstverständlich überhaupt nichts zu bedeuten.
Ab und zu wurde auch mal ein besonders schönes Exemplar der Gattung „Auto“ besichtigt. Man wollte schließlich wissen, was der Markt so hergab. Gekauft wurde natürlich nichts. Entweder war das Auto zu teuer, zu schlecht oder einfach zu weit weg. Irgendwas war immer. So blieb es bei ausgedehnten Spazierfahrten und dem schönen Gefühl, wieder einmal fast ein Auto gekauft zu haben.
Im Frühjahr 1996 kam ich zur Welt.
Und damit war die automobile Karriere meines Vaters zunächst schlagartig beendet. Papa hatte keine Zeit mehr für Autos – und vor allem kein Geld. Schließlich gab es jetzt ein Kind. Und Kinder sind bekanntlich die einzige Anschaffung, bei der man vorher nicht nach dem Preis fragen darf.
Als ich ungefähr zwei Jahre alt war, entdeckte ich eines Tages Papas Fotoalbum mit Autobildern. Ich zeigte darauf und fragte ihn, was das denn für Autos seien.
Das war vermutlich der Moment, in dem ich unwissentlich eine mittlere Familienkatastrophe auslöste.
Papa erklärte mir natürlich bereitwillig jedes einzelne Auto. Und ich glaube, ich habe ihn damit tatsächlich wieder zum Leben erweckt. Der alte Autovirus war plötzlich wieder da. Nur diesmal hatte er ein zweijähriges Alibi.
„Papa, ich will auch mal in so einem Karmann Auto fahren.“
Mehr musste ich offenbar nicht sagen.
Denn damit hatte Papa endlich das entscheidende Argument gegenüber Mama: Es ging gar nicht um ihn. Es ging um mich!
Der Karmann Ghia wurde somit kurzerhand vom persönlichen Spleen zum pädagogisch wertvollen Familienprojekt erklärt. Schließlich müsse ein Kind ja auch automobile Werte vermittelt bekommen.
In den darauffolgenden Wochen lernte ich sämtliche Anzeigenblätter und Oldtimer-Zeitschriften kennen, die der deutsche Markt zu bieten hatte. Papa kannte bald jedes Karmann-Inserat zwischen Flensburg und Garmisch. Und wahrscheinlich auch den Namen jedes Verkäufers.
Dann kam allerdings Mama ins Spiel.
Sie hatte für das Projekt ein finanzielles Limit festgelegt. Und Mama verstand unter „Limit“ tatsächlich ein Limit. Für Papa war das eher eine freundliche Preisempfehlung.
Mit dem von Mama genehmigten Budget hätten wir maximal ein Modellauto kaufen können. Und selbst das nur, wenn es günstig war und möglichst schon auf vier Rädern stand.
Papa wäre aber nicht Papa, wenn er nicht noch eine finanzielle Hintertür gefunden hätte. Also wurde das Sparbuch geplündert – von Papa liebevoll „Kampfkasse“ genannt.
Der Name klang allerdings deutlich beeindruckender als der Inhalt.
Viel mehr war da nämlich nicht.
Also konzentrierten wir uns auf die günstigen Angebote. Wobei „günstig“ in der Karmann-Welt ungefähr so viel bedeutete wie „nur leicht renovierungsbedürftig“. Unsere einzige Bedingung lautete deshalb: TÜV neu.
Schließlich wollten wir ein Auto kaufen und kein neues Bastelobjekt.
Ich glaube, die Geschichte hatten wir schon einmal.
Mitte Oktober war Papa dann endgültig mit den Nerven durch. Trotz intensiver Suche, unzähligen Anzeigen, diversen Besichtigungen und vermutlich einer beträchtlichen Menge Kiosk-Kaffee war kein brauchbarer Karmann in Sicht.
Das Resultat war entsprechend ernüchternd:
Kein Karmann. Keine Kampfkasse. Keine Hoffnung.
Also blieb nur eine vernünftige Lösung:
Weiter sparen.
Der Karmann-Traum war damit wieder einmal auf unbestimmte Zeit verschoben.
Papa hatte zwar kein Auto – aber dafür jede Menge neue Erfahrungen.
Und immerhin: Das Sparbuch/Kampfkasse war nicht leichter geworden.
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